Weg von Linux Mint – ein Desktop-Linux Vergleich

Ich hatte ja bereits gesagt, dass mein Notebook nun wieder mit Ubuntu läuft. Wie ich dazu gekommen bin, was ich sonst ausprobiert hatte, darüber geht dieser Beitrag.

Es ist schon sagenhafte 8 Jahre her, dass ich zu Linux Mint gewechselt war. Damals insbesondere weil mich die Unity Oberfläche und der kommerzielle Fokus von Ubuntu genervt hatten. Aber in den letzten Jahren mehrte sich bei mir auch das Unwohlsein bei Mint. Das Gefühl zu Hause und produktiv zu sein, wollte sich trotz alter GUI nicht mehr einstellen, gerade auch weil hier wieder immer mehr eigene Lösungen etablierten. Mein damaliger Beitrag förderte aber etliche Debian Distro-Empfehlungen von Lesern zu tage, weshalb ich mir Ende des Jahres einmal Zeit nahm, um Alternativen zu Mint auf meinem L520 Thinkpad zu testen. Denn das sich in den letzten Jahren einiges getan hat, war mir klar, aber ein Überblick und wie sich das jeweils anfühlt fehlte mir. Letztlich hatte ich in den letzten Jahren dann doch nur Debian auf Servern, oder Raspbian auf RPIs aufgesetzt und das läuft meist headless. Schauen wir doch einmal, wie sich Gnome3 / 40 und andere moderne Desktops so schlagen …

Elementary OS

Mit Elementary OS gibt es eine nach der Installation recht schlanke, aber auch sehr stimmige Linux Distro, die sich wirklich sehr aufgeräumt anfühlt und die andere Desktops geradezu überladen wirken lässt. Das Design und Soundthema wirkt modern und nicht verspielt. Der Support wird aktuell über stackoverflow abgewickelt. DVDs und Medien können direkt wiedergegeben werden.

Elementary OS Odin mit DVD Wiedergabe

Leider hat Elementary auch einen starken Fokus auf kommerzielle Angebote mit dem eigenen Appstore und eigenen entwickelten Anwendungen. Per APT installieren kann man aber natürlich trotzdem. Meine WLAN Karte mit BCM43228 wurde leider nicht automatisch erkannt und musste mit dem firmware-b43-installer erst gangbar gemacht werden. Auch scheinen versteckte WLANs nicht automatisch neu entdeckt zu werden und müssen immer manuell neu verbunden werden.
Meine Online-Konten ließen sich erst im zweiten Anlauf vernünftig einbinden, weil es wohl Zertifikats-Probleme gab. Diese Einbindung ist aber wirklich super und man kann sehr niederschwellig mit seiner Nextcloud Dateien, Kalender und Kontakte nutzen. Epiphany als Standardbrowser machte für mich leider auch kein all zu gutes Gesicht, denn er stürzte gerne einmal ab und Youtube wollte auch nicht klappen.

Ansonsten findet man aber viele schlaue Sachen: Detaillierte Changelogs in den Updates, Drucker werden automatisch gesucht und gefunden, … Insgesamt scheint mir das schon sehr nahe an einem produktiven Linux-Desktop. Einige Kleinigkeiten hätte ich mir aber auch hier gewünscht: Aktivierter Adblocker, GPG Migration und Aktivierung für eMails, Wireguard im Netzwerkmanager (was möglich ist). Das ganze ist zwar noch nicht so hoch-integriert, wie man es etwa bei Android kennt, aber die Anwendungen greifen schon ziemlich schlau in einander und es gibt wenig, was einen ablenkt.

KDE Neon

Mit Neon bietet die KDE die Möglichkeit den Desktop auf Plasma Basis direkt auszuprobieren, ohne diesen etwa bei anderen Distros manuell nach zu installieren.

KDE Neon 5.2.2. mit modernem flat design

Das Ganze ist super anpassbar und auch die Erweiterungen des Desktops lassen sich sehr gut verwalten und updaten. An vielen Ecken hat man sich wirklich Gedanken gemacht (Terminal mit Splitscreen, Netzwerkverbindungen zeigen wichtigste Details wie IP, MAC, … ). KDE Connect ist standardmäßig aktiv und auch der Dateimanager integriert sich sehr gut mit externen Quellen, verbundenen MP3 Playern oder Smartphones.

Die Nextcloud Onlinenkonten werden auch hier gut integriert, nur leider wird beim Zugriff über den Dateimanager dann doch wieder nach dem Kennwort gefragt und es ist letztlich nur eine WebDAV Verknüpfung, also keine Syncronisation für die Offline-Arbeit. Für Kontakte fehlt leider sowas wie KAdressbook. Etwas irritiert war ich auch, dass die Passworteingabe des cryptsetup beim Boot nicht grafisch war und auch das etwa bei Firefox das deutsche Sprachpaket fehlte. Leider musste ich auch hier erst-mal mein WLAN reparieren und die Firmware per deb Paket einbauen lassen. Versteckte WLANs werden auch hier nicht erneut wieder-verbunden und haben auch einen recht komplexen Dialog zur Eingabe. Dafür gab es aber Wireguard als VPN.

POP OS

Mit Pop! OS hat System76 als Hardware-Hersteller aus der Not, dass die bisherigen Distros für aktuelle Hardware und Convinience der Nutzer nicht ganz so toll sind, eine Tugend gemacht und selbst eine Distro zusammengestellt. Das ist ihm durchaus sehr gelungen, was nicht nur ein sehr schöner, sondern auch echt nutzerfreundlicher grafischer Installer zeigt. Die Desktop-Oberfläche auf Gnome40 Basis wirkt nicht nur modern, sondern auch sehr aufgeräumt. Echt schlaue Gimmicks, wie eine Verknüpfung von .ISO zu USB Flashern zeigen, dass das OS unterstützen will und nicht davon ausgeht, dass man wirklich CDs brennen wollte.

Was soll ich sagen? Obwohl die Firmware Dateien vorhanden war, musste ich das WLAN dann doch reparieren. Ein paar Dialoge waren auch noch nicht übersetzt, aber der Rest war vorhanden und fühlte sich sehr sehr gut an.

Debian unstable

Das Debian Projekt bietet die Basis für all die hier gelisteten Distros. Nach all der Zeit kam in mir dann doch auch der Wunsch auf, einmal zu schauen, wie gut man mit diesem ursprünglichen OS klar kommt. Wenn man sich überlegt, welche Ausgabe man haben möchte, kommt man vielleicht wie ich auf unstable nonfree, um sich nicht mehr um Firmware für Treiber kümmern zu müssen und auch von etwas aktuellerer Software zu profitieren. Per EFI kam ich leider nicht in das Bootmenü, das konnte ich aber in dem Modus auch nicht beheben.

Das Gnome 40 ist schon toll, ein modernes Layout und die Veränderungen sind nicht ganz undurchdacht, wenn man sich darauf einlässt. Nach der Installation wirkt das ganze recht leer und roh, damit aber auch aufgeräumt. Trotzdem hat man mehr als bei den anderen Distros das Gefühl, hier einfach in etwas unfertiges geworfen worden zu sein, was noch Nacharbeiten erfordert. So gibt es kein standardmäßiges sudo, wie etwa bei Raspberry OS, sondern man administriert über den root Nutzer. Das WLAN funktionierte hier leider auch nicht auf Anhieb, konnte aber manuell nachinstalliert werden. Die Konten-Einbindung funktioniert auch hier, allerdings greifen die Anwendungen nicht gut darauf zurück bzw. werden auch keine Anwendungen empfohlen, welche bereits integriert sind.

Ubuntu Impish

Zu gute Letzt probierte ich die aktuellste non-LTS Version von Ubuntu aus. Hier ist in den letzten Jahren wieder viel gegensteuert worden und die Integration von kommerziellen Diensten rückgängig gemacht worden. Auch hier gibt es ein (angepasstes) Gnome 40 und demzufolge die Integration etwa mit Nextcloud. Leider fehlt auch hier die weitere Nutzung in Apps (Thunderbird, Offline-Sync, …) so dass man dann doch wieder Anwendungen installieren und auch dort die Konten anlegen muss. Warum hier Bluetooth zuerst nicht klappte, verstehe ich bis heute nicht. Am Hardware radio kill Switch lag es wirklich nicht 😉

Ubuntu leider mit Darstellungsfehlern

Natürlich wollte hier auch die DVD wieder nicht spielen und der Totem Mediaplayer bietet zwar die Nachinstallation von Codecs an, konnte danach aber trotzdem nichts wiedergeben. Installiert man ubuntu-restriced-extras kommt man trotzdem nicht weiter und es bleibt einem bloß VLC. Schade.
Merkwürdig auch, dass Signal, was hier nun per Snap (und nicht Flatpak) kommt, nun nur noch allgemeine Desktop-Benachrichtigungen anzeigt. Keine Ahnung, warum hier der Sender und der Inhalt in den Popups fehlt. Wer auch immer den Zweifenstermodus des Dateimanagers ausgebaut hat und den „Neuer Ordner“ Button tiefer versteckt hat: Das bremst mich wirklich und war leider eine Verschlimmbesserung 🙁

Ansonsten ein schönes und übersichtliches System, was wieder etwas mehr Struktur hat und Einstellungsmöglichkeiten bietet, ohne einen damit komplett zu erschlagen.

Die Entscheidung

Letztlich habe ich mich dann doch für Ubuntu Linux entschieden. Ich bin ziemlich sicher, dass man mit keinem Kandidat eine völlig falsche Wahl getroffen hätte. Vielleicht überzeugte mich hier, dass ich einigermaßen weiß worauf ich mich einlasse und das die Community wirklich exzellenten Support anbietet? Klar bei Ubuntu auch viel drumherum passiert. Snap, eigenes Gnome Layout, Wayland, Kernel live-patching, aber all das stört mich nicht und ist mir auch nicht besonders wichtig.
Pop OS wäre ansonsten auch meine erste Wahl, aber auch hier scheint der Hersteller schon wieder Pläne zu haben sich von etablierten Lösungen zu verabschieden :/ Auch Elementary hat mich schwer beeindruckt, hinterließ aber immer den Beigeschmack, dass es im Zweifel immer ein kommerzielles Interesse hat. Auch KDE hat klasse Arbeit geleistet, aber für mich ist der Weg zu Gnome 40 einfach kürzer und es fühlt sich etwas übersichtlicher und vertrauter an. Etwas mehr ärgern da mich schon die (mittlerweile gehäuft vorgekommen) Darstellungsfehler in Firefox, Thunderbird, … und wenn Menüs ganz falsche Z-Order haben. Ubuntu hat da leider so einige Fehler, die eigentlich nicht passieren dürften.

Bleibender Traum Desktop-Linux

An dieser Stelle an alle Anbieter von Distros ein dickes Dankeschön. Sie ermöglichen es uns Nutzern die eigene Hardware weitestgehend ohne Kopfschmerzen in Betrieb zu nehmen und Anwendungen schon installiert, oder zumindest installierbar bereit zu haben. All das natürlich getestet und in kontinuierlicher Weiterentwicklung. Was für eine Mamutaufgabe! 🙂

Rein technisch kann Linux da echt viel und ist (meiner Meinung nach) Windows in Sachen Architektur und MacOS in Sachen Offenheit deutlich überlegen. In Sachen Usability haben aber alle 3 Systeme wohl so ihre Macken. Bei den hier getesten Distros geht das schon damit los, dass der PC vollständig funktioniert. Letztlich wollen Anwender im worstcase wirklich alles nutzen und Treiber + Firmware müssen für da im Hintergrund installiert worden sein, sonst stehen nichttechnische User dumm da. Warum WLAN und DVD da im Jahr 2022 noch Probleme machen, das verstehe ich trotz Lizenzproblematik und Patenten nicht. Haben wir nicht gerade dafür Treibermanager und fwupd? Auch wenn Tastaturlayouts nicht automatisch gesetzt werden, oder Dialoge nicht übersetzt wurden, meine Eltern würden daran schon scheitern. Und ist das nicht die Zielgruppe, wenn man das Jahr des Desktops ausruft? Dazu gehört heutzutage leider eben auch nicht nur die eigene Maschine, sondern auch all die schönen Dinge des Internets. Da muss doch zumindest auch Nextcloud wenn eingerichtet, dann auch automatisch mit all möglichen Erweiterungen eingerichtet werden ( Desktop Sync-Client, Thunderbird Filelink Addon, Adressbuch, Kalender, Bookmark-Sync, Kochbuch, …). Die eMail-Konten enthalten GPG verschlüsselte Oh und was ist mit Drucker, Scanner, MPD oder Smarthome im LAN? Und welchen Grund gibt es eigentlich noch nicht gleich Librewolf als Browser auszuliefern, der mit qBlock den Werbeblocker gleich mit an Board hat. Denn wirklich nutzbar ist das Web ja sonst wirklich nicht mehr. Warum bleibt der Desktop so in der Verzahnung zurück, wenn Android einem seit Jahrzehnten zeigt, wie die Integration von Anwendungen und Daten so flüssig gelingen kann? Vielleicht wäre es sinnvoll einmal über die Grenzen einzelner Distributionen zu schauen und generische Lösungen für gemeinsame Probleme gemeinsam zu entwickeln, so dass nicht immer viel Energie für die n+1 te Lösung eines bekannten Problems verbraucht wird und bugfixes+Verbesserungen dann immer jede Software eingebaut werden müssen. Calmares etwa, ist ein grafischer Installer, auf den viele schon zurückgreifen. Aber Wayland ist vielleicht ein Beispiel, wo das leider nicht so gut gelang. Wäre richtig niederschwellige Distributionen nicht etwas, was man angehen könnte, bevor man sich auf neue Schlachtfelder wie mobile computing oder convertables stürzt?
Trotzdem ist es natürlich wunderbar, dass man bei Linux recht unproblematisch seinen Umzug machen kann, indem man /etc und /home seines Altsystems plündert und mit einem APT-Einzeiler alle Software wiederhergestellt hat. Nach wenigen Stunden fühlt man sich so wie zuhause und als ob man nie weg war 🙂

Wer übrigens auch abseits von Debian-Basis schauen will, kann gerne einmal das Radio Tux Dezember anhören und findet da vielleicht noch Anregungen.

Author: Matthias

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